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Frau Z geht spazieren

"I was born into no true class, and it was my decision, early in life, to insinuate myself into the middle class, like a spy, so that I would have an advantageous position of attack, but I seem now and then to have forgotten my mission and to have taken my disguises too seriously."

From The Journals of John Cheever, p. 23 (selected by T.M.P)

Frau Z wohnt in einem Grosstadtviertel, halb Wohngegend, halb Geschäftsgebiet. In ihrer Nachbarschaft gibt es ein kleines Kaufhaus, zwei Supermärkte, drei italienische Restaurants, einen Zeitungskiosk, zwei Reisebüros und fünf Apotheken. In den nächstgelegenen Strassen gibt es noch einmal vier Apotheken.

Frau Z geht in die Apotheke an der Ecke und kauft ein teures Mittel, das ihr der Doktor verschrieben hat. Fast 150 Euro. "Können Sie es nicht ein bisschen billiger machen?" "Leider nein, unsere Preise sind Festpreise." "In allen Apotheken? Gibt es keine billigere?" "Nein. Die Preise sind überall gleich. Das ist das Apothekengesetz." Frau Z steckt die Gratis-Vitamintabletten ein, zahlt, und geht zum kleinen Supermarkt, wo das Kilo Brot einen Euro weniger kostet.

Frau Z lebt allein. Sie sieht fern und liest jeden Tag die Zeitung. Sie ist rundum informiert und hat zu allem eine Meinung. Sie ärgert sich, wenn die Nachrichtensprecherin von Tschetschenien spricht. Das heisst doch Tschetschnia auf russisch. Wie kann man das nur so verballhornen. Überhaupt Tschetschnia. Was soll daraus nur werden? Verhandeln? Unabhängigkeit? Das gabs doch schon mal, und es hat nicht funktioniert. Man würde das Land doch nur den Räubern und Fundamentalisten ausliefern. Also weiter Krieg führen? All die toten Zivilisten und die armen russischen Jungs! Der Putin hat es nicht leicht, er hat Mitleid verdient. So ein gut aussehender Mann!

Es ist ein strahlender Sonnentag mitten im Winter. Frau Z beschliesst, frei zu nehmen und fährt zum Schlosspark. Zwei Männer dösen auf einer Parkbank. Eine Taube spaziert vor Frau Z über den Kiesweg. Warum sind eigentlich nicht mehr Tauben im Park? Warum sind sie überall in der Stadt, wo es nichts zu picken gibt, nicht mal den Pferdemist von anno dunnemals? Warum sind sie nicht alle im Park, wo es Bucheckern gibt, Eicheln und Pinienkerne? Kiefern haben vielleicht keine Pinienkerne, äh Kiefernkerne. Warum hat man sie dann überhaupt?

Frau Z hat lange im Süden gelebt, und deshalb liebt sie Birken. Denn im Süden wachsen keine Birken. Die Birke mit ihrer weissen Rinde ist die Palme des Nordens, denkt sie. Der Baobab Deutschlands. Wenn ich einen Garten hätte, würde ich eine Birke pflanzen, denkt Frau Z und ist froh, dass sie keinen Garten hat.

Auf den Stufen zum Schloss sitzt eine junge Frau in der Sonne. Frau Z sieht sie und denkt: Da fehlt doch was? Ach ja, sie raucht nicht.

Das Schloss strahlt in der Nachmittagssonne. Es ist von einem Italiener gebaut worden, erinnert sich Frau Z. Wenn man die Italiener nicht gehabt hätte... kleiner als die Deutschen sind sie, aber so fleissig und begabt. Ein Jammer, dass die jetzt den Berlusconi haben. Das Problem ist nicht, dass Berlusconi Berlusconi ist, denkt Frau Z. Es ist auch nicht das Problem, dass die Italiener ihn gewählt haben. Das Problem ist vielmehr, dass die Italiener Berlusconi gewählt haben, obwohl sie wussten, dass Berlusconi Berlusconi ist.

Schrecklich, was der da anrichtet, denkt Frau Z. Den ganzen Rechtsstaat ausgehebelt, nur damit er nicht belangt werden kann. Und die Mafia, die freut sich. Die werden jetzt wohl eine Partei gründen und ganz offiziell ins Parlament einziehen, wo sie heimlich schon seit Jahrzehnten sitzen. Frau Z denkt an die IRA und seufzt.

Sie steht am grossen Teich und blickt auf das Durcheinander der Schwäne, Enten und Möwen, die im Sonnenschein mit gesteigerter Lebenslust plätschern. "Eisfläche betreten verboten. Einbruchsgefahr" steht auf einem Schild am Rand des Teiches. Sie blickt auf die Enten und erinnert sich der Erzählung, wie die Römer Wildenten fangen ohne gesehen zu werden. Sie nehmen Maske, Sauerstofflasche und Harpune und tauchen in der Mitte des Sees. Unter Wasser warten sie bis eine Ente über ihnen schwimmt. Ein Schuss mit der Harpune, die Ente wird unter Wasser gezogen und landet im Plastiksack des Tauchers. Niemand hat etwas gesehen oder gehört, und Tauchen ist bekanntlich nicht verboten.

Die armen Tiere, denkt Frau Z. Der Berlusconi müsste dringend etwas dagegen tun.

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—— Daniela Fürst
Berlusconi-Infos